Pressebericht JCH 22.9.2019

Facettenreiches Programm beim 30. Jazz-Festival

Fünf Spitzenbands begeistern ihre Fans

(ez) Oldtimejazz zu Beginn des Festivals am Freitag mit der beliebten Coffee House Jazzband aus Hameln und – als ob es abgesprochen worden wäre – der traditionelle Titel „Sheikh of Araby“ im Boogierhythmus als Zugabe beim Frühschoppen am Sonntag mit dem Frank Muschalle Trio. So schloss sich gewissermaßen ein Kreis. Zwischen diesen beiden Eckpunkten standen so viele verschiedene Eindrücke, Melodien und Rhythmen, dass denen, die alle drei Tage anwesend waren, noch lange die Ohren klingen werden.

Nach den vertrauten Oldtimeklängen als Auftakt sorgten die Sängerin Sidney Ellis und ihre Band „City Preachers“ vor ausverkauftem Haus mit einem Mix aus Blues, Jazz und Gospel und auch ein wenig Funk für Beifallsstürme. Keyboard, Saxophon, Bassgitarre und Schlagzeug bildeten den Background für die Sängerin. Gleich ob die Titel ihren Ursprung in Chicago, New Orleans oder anderswo haben, Sidney Ellis drückte ihnen mit ihrer unverwechselbaren Bluesstimme ihren Stempel auf. „Mean and evil“, „Stormy Monday Blues“, „Trouble in my mind“ von 1926 seien als Titel aus dem vielseitigen Repertoire angeführt. Rhythmus und afrikanische Traditionen, Eindrücke von ihren Weltreisen und eine unendlich große Liebe zur Musik – sie konnte mit ihrer Band all dies dem begeisterten Publikum vermitteln.

Mit dem Anspruch an sich selbst „eine kleine Band mit einem großen Sound“ zu sein, traten die drei Musiker von „It’s M.E.“ am Samstag auf die Bühne. Erkennungsmerkmal die roten Papierrosen am Mikroständer der charismatischen Sängerin Martina Maschke wie auch das Kopftuch von Keyboarder Ecki Hüdepohl. Als Drummer dazu Alex Holtzmeyer, der auch beim dreistimmigem Gesang seinen Part beitrug. Blues, Pop, Rock’n’Roll und Boogie – alles handgestrickt und unmittelbar. Zu Anfang der Titel „Why, why, why“, dann weiter von „These boots are made for walking“ von Nancy Sinatra, über „Night owls“ und „Mama, he treats you daughter mean“ bis hin zur Landhausdisco der 60er mit „In-a-gadda-da-vida“, eigentlich „In the garden of Eden“ von Iron Butterfly. Und ganz zum Schluss noch der Song des Esels aus dem Film „Shrek“, nämlich „I’m a believer“ von Neil Diamond. Die drei Musiker konnten ihr Versprechen leicht einlösen: Es war wirklich der versprochene mitreißende dynamische Sound und Ecki Hüdepohl haute mitunter derart heftig in die Tasten, dass um die Standfestigkeit seines Keyboards gefürchtet werden musste.

Das Wolfgang Lackerschmid Trio und die Sängerin Stefanie Schlesinger brachten danach klanglich eine ganz andere Atmosphäre. Die Klänge eines Vibraphons sind eher zurückhaltend, es ist kein „lautes“ Instrument. Ungeachtet dessen stand eine sehr kräftige jazzige Interpretation von „Parole, parole“, gesungen von Stefanie Schlesinger als Anfangstitel auf dem Programm. Eher verhalten danach die alte Jazzballade „Disappear“ im fünf-viertel Takt, wo die charmante junge Sängerin mit beachtlichem Stimmumfang und großer Einfühlsamkeit überzeugte. Erstklassige Soli der Instrumentalisten gab es außer von Wolfgang Lackerschmid am Vibraphon auch in großer Zahl von František Uhliř aus Prag am Kontrabass und von Guido May aus München am Schlagzeug. Aus dem Great American Songbook, das viele zu Jazztiteln gewordene Musicalmelodien enthält, kam ein Song aus dem Mucial „Showboat“ zu Gehör, nicht das bekannte „Ol‘ Man River“, sondern „Can’t help loving that man“. Stefanie Schlesinger meinte bei der Ansage, dass dieser Titel sicherlich besser zu ihrer Stimmlage passe. Als „Kulturteil des Abends“ kündigte sie das Brecht-Gedicht „Erinnerung an Marie A.“ an, vertont von Wolfgang Lackerschmid. „Windmills of your mind“ von Michel Legrand gab der Sängerin noch einmal Gelegenheit zu einem poetisch leisen Vortrag. Und am Ende des Konzerts trat die Schlange Ka aus dem Dschungelbuch auf und sang „Trust in me, just in me“ – mitreißend interpretiert und szenisch dargestellt von Stefanie Schlesinger.

Sonntagmorgen – Frühschoppenzeit, Boogie-Woogiezeit. Der Pianist Frank Muschalle hat schon eine recht große Fan-Gemeinde in Holzminden. Zusammen mit dem Drummer Peter Müller aus Wien und dem Schweizer Dani Gugolz am Kontrabass mischte er bei strahlendem Wetter den Club auf. Der Drummer wurde anfänglich von der Sonne geblendet, eine Sonnenbrille und eine Kappe als Leihgaben aus dem Publikum schafften Abhilfe und sorgten für die kurze Diskussion, ob man anstatt des Konzerts nicht lieber eine Modenschau abhalten sollte. Es blieb dann glücklicherweise doch beim Konzert. Wild tobende Boogies, ruhige „Schnulzen zum Ausruhen“ – „If you’re not mine“ - , eine traurig-romantische Eigenkomposition in Moll von Frank Muschalle als Hommage an den legendären Teddy Wilson – „Nod to Wilson“, ein musikalisches Stück Schweizer Schokolade – „Black fancy“, der „Blues Hangover“ von Roy Glenn – langsam und leise und schonend für den schweren Kopf. Zwei mitreißende Sets, ein begeistert wippendes, klatschendes Publikum. Zum Schluss machte sich dann der „Sheik of Araby“ in noch rascherem Tempo als gewöhnlich auf den Weg in sein Zelt. Und die Zuhörer gingen in einem Gefühl höchster Zufriedenheit nach Hause.


(Fotos: Uwe Redeker, Bernd Finke)