Pressebericht TAH vom 21.09.2026
Jazz vom Feinsten in Holzminden
36. Jazz- Festival begeistert im alten Bahnhof / Hochklassige Formationen sorgen für begeisternde Atmosphäre
Holzminden (jbo). Beim
mittlerweile 36. Jazz- Festival im Alten Bahnhof in Holzminden ist es
den Organisatoren erneut gelungen, ein abwechslungsreiches und
musikalisch anspruchsvolles Programm auf die Beine zu stellen. Mit
den Ingi Bjarni Trio, den Frankfurt Swinging All Stars, SuperSalad
und Albie Donnelly Supercharge sorgten vier renommierte
Jazzformationen an drei Festivaltagen für besondere musikalische
Momente. Den traditionellen Abschluss bildete auch in diesem Jahr der
Jazzfrühschoppen mit der Sleepy Town Jazz Band, der das Festival
stimmungsvoll ausklingen ließ. Den Auftakt des diesjährigen
Festivals machte das Ingi Bjarni Trio. Die Formation um den
isländischen Pianisten Ingi Bjarni
tourt zurzeit durch Europa und
nutzt die Gelegenheit, für einen Auftritt im Holzmindener Jazz-
Club. Der vielfach preisgekrönte, schon nahezu mystisch und äußerst
feinfühlig daherkommende Jazz war für viele Holzmindener Ohren
sicherlich neu, aber nicht weniger faszinierend. Die von den
Interpreten fast eher gestreichelten, als gespielten Instrumente,
schienen hier und da fast unabhängig voneinander zu agieren. Ergaben
aber letztendlich doch immer wieder ein gemeinsames Klangbild, das
perfekt zur sprichwörtlichen Magie der nordischen Hemisphäre
passte. Dem Holzmindener Jazzpublikum war diese Interpretation des
modernen Jazz großen Applaus wert. Mit den Frankfurt Swinging All
Stars betrat danach eine Formation die Bühne, die all das in sich
vereinte, was den Jazz in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland
ausmacht. Herausragende Solisten, die sich zwar ganz
dem Swing
verschrieben haben, aber auch den Jazz in all seinen Facetten mit
sichtbarer Spielfreude aus den 40er und 50er Jahren bis in die
Gegenwart tragen. Klassiker, unter anderem von Duke Ellington, und
bekannte Melodien wie „The Sunny Side of the Street“ oder „Back
Home Again in Alabama“ sorgten für Spektakel im Jazz- Club.
Maßgeblich daran beteiligt: die klanggewaltige, instrumentelle
Ausstattung des sechsköpfigen Ensembles, vom Piano über die
Blechbläser bis hin zum Banjo. Das
alles unterlegt mit einer
humorigen Moderation von Bernd K. Otto, was zusätzlich zur
Unterhaltung beitrug. Der
Samstag mit anfangs der Band „Super Salad“ und anschließend
Albie Donnelly „Supercharge“ brachte für die Balken des alten
Bahnhofs eine echte Herausforderung. Das Holz vibrierte nur so bei
den phonstarken Darbietungen, und die Ohren des Publikums hatten
desgleichen einiges auszuhalten. „Supersalad“ mit Jan von
Klewitz
(Altsaxophon), Paul Peuker (Gitarre) und Thomas Fülbier (Schlagzeug)
brachten den Groove der Großstadt auf die Bühne. Bandleader
Benjamin von Poser hatte keine Hammondorgel dabei, spielte dafür
simultan auf Keyboard und Klavier. Das ausdrucksvolle „Consistently“
bildete den Auftakt des Abends, danach kamen verschiedene
Eigenkompositionen mit der Zeit als Hauptthema: so wie „Zeit im
Flug“ und das ruhigere „Als die Zeit stillstand“. Auch
Zugfahrten, etwa das eindringliche „Riding“, wurden in Töne
umgesetzt. Tief in die Klassik drangen die Musiker mit einer Hommage
an Johann Sebastian Bach ein „Irgendwas mit Bach“. Einige
Passagen klangen durchaus sehr „bachig“, Keyboard und Saxophon
nahmen abwechselnd die Melodie auf, bevor alle Musiker noch einmal
richtig loslegten. „Nordlicht“, ein zu Beginn sehr meditativ
ruhiges Stück war als Hommage an Skandinavien gedacht, aber dann
müssen sich wohl irgendwie ein paar Trolle reingedrängt haben, und
es wurde zeitweilig recht turbulent. Das Publikum applaudierte lange,
die Zugabe war ein Lied, gewidmet der Ehefrau des Pianisten. Nach
kurzer Umbauphase kamen nach 21 Uhr diverse „man in black“ auf
die Bühne, Albie Donnelly und seine Band „Supercharge“. Die
sieben Musiker hatten eine geballte Ladung Rhythm’n’Blues, Swing
und Rock’n’Roll im Gepäck. Seit 1973 ist der
Leadsänger,
Saxophonist und Bandleader Albie Donnelly auf den Bühnen unterwegs,
das Publikum kann zehntausende zählen und manchmal eben auch nur
mehrere Dutzend, so wie im alten Bahnhof. Ihm zur Seite stehen André
Tolba (git/voc), der Zwei-Meter-Mann Jürgen Wieching mit seinem
großen Baritonsaxophon, Thorsten Heitzmann (tb), Sascha Kühn
(keyboard), Wolfgang Diekmann (b-git) und Uwe Petersen (dr). Im
„Choo-choo-boogie“ führten die Saxophone einen Dialog, es wurde
die „Whiskey drinkin‘ woman“ besungen, der „Happy birthday
blues“ verführte zum Tanzen, und „Jump and jive“ ließ es
richtig krachen. Neben der bekannten Bluesthematik sprach ein Song
auch die elterliche Ermahnung aus, dass „drinking and gambling“
geradewegs ins „Fool’s paradise“ führten – also nicht
ratsam! – Auf das angekündigte Ende des Auftritts von Albie
Donnelly und „Supercharge“ lockte langanhaltender begeisterter
Applaus noch zwei Zugaben hervor, zuerst den sehr romantischen Song
„When it snows on Sacré Coeur“ und als zweite „Buona sera,
senorita“, dargeboten als temporeicher Boogie.Beim Frühschoppen am
Sonntag begann die Sleepy Town Jazzband wie gewohnt mit dem „Weary
Blues“. Dirk Raufeisen setzte sich ans Piano und garnierte den
Auftritt mit seinem Können. „Chinatown“, „Bourbon Street
Parade“ und der „Tin roof blues“ standen auf dem Programm, wie
auch „Going home“ von Ken Colyer, ein Titel aus den 50er Jahren,
als von England ausgehend die Dixieland Revival Welle über Europa
schwappte. Unter den Zuhörern waren Gäste aus Warburg, Beckum und
vom befreundeten Jazzclub in Wildeshausen. Die „Sleepy Town
Jazzband“ war entspannt und voller Spielfreude und sparte nicht mit
Solodarbietungen. Nach der „Sleepy Town Jazzband“ kam die
Streetband mit ihrem Eingangssong „We’ll walk through the streets
of the city“ auf die Bühne. Von der anderen Weserseite kommen die
neuen Bandmitglieder Ansgar Engel (tuba) und der Schlagzeuger Rainer
Filter. Wieder setzte sich Dirk Raufeisen dazu. Den wohl ältesten
Titel schrieb William Christopher Handy bereits 1898: „Careless
love“, dargeboten anfangs langsam, dann mit doppeltem Tempo. Die
„Isle of Capri“ konnte Geografen zum Grübeln bringen, denn der
Rhythmus war eindeutig karibisch. Die Operette „Maske in Blau“
von Fred Raymond steuerte den Titel „Sassa“ bei und Bill Haley
sein bekanntes „Rock aound the clock“. Und mit dem Satchmo-Titel
„On the sunny side of the street” ging das 36. Jazz-Festival
Holzminden dann zu Ende. Das nächste Konzert ist am 17. Oktober
2026, ab 20 Uhr kommt „Bad Temper Joe“ mit seiner Band in den
alten Bahnhof, sie spielen Blues mit ostwestfälischer Note.
Text: Jürgen Bommer