Ein Jubiläum mit Schlüter, Toscani &Co.


25. Jazz Festival in Holzminden und Corvey geizt auch diesmal nicht mit musikalischen Attraktionen


Holzminden/Corvey (pd). „Keine Ahnung, ich hab jede Woche andere Nachbarn, und die werden immer hübscher“, meinte der Vollblutschlagzeuger Pim Toscani auf die Frage, was denn sein soziales Wohnumfeld zu seinen vermutlich unermüdlichen wie akribischen Übungseinheiten zu Hause so sage. Der niederländische Swing-Jazzer war mit seiner Band nicht nur der Abschlusshöhepunkt in Corvey zum 25. Jubiläum des Holzmindener Jazz Festivals und dem bereits fünften Geburtstag der Corvey Jazztage, er ließ es sich auch tags zuvor im Holzmindener Club nicht nehmen, dem Hamburger Top-Vibraphonisten Wolfgang Schlüter seine Referenz zu erweisen. Jazzer sind offenbar eine ganz verschworene Gemeinde, das zeigt nicht nur der Besuch des Holländers, sondern die vier Tage des Festival insgesamt.

Nach dem inzwischen schon üblichen Weserbrückenauftakt mit der Streetband und den darauffolgenden Konzerten am Donnerstagabend in Corvey mit den Frackophonikern und der Göttinger Jazz Comment sowie dem traditionellen Freitagskonzert der Sleepy Town Jazz Band im Holzmindener Jazz Club hatte die Macher das Festival diesmal wieder sehr vielseitig eingeläutet (der TAH berichtete). Am Sonnabend dann betrat Wolfgang Schlüter die Bühne des Clubs, um mit seinem Quartett dem Jubiläumsfestival einen entsprechend würdigen Rahmen zu geben. Schlüter, der als einer der wenigen deutschen Jazzmusiker weltweit hohes Ansehen genießt, hatte trotz seines stark eingeschränkten Sehvermögens wenig Mühe, die Besucher des Clubs mit seinem virtuosen Spiel so in den Bann zu ziehen, dass schon in der ersten Pause nur schwer begeisterte Kommentare zu hören waren. Fast drei Stunden hielt es den Altmeister des Modern-Jazz auf der kleinen Holzmindener Bühne, die in der Szene nicht von ungefähr wegen seiner Publikumsnähe als spielerisch besonders reizvoll gilt.

Insgesamt war das Festival an allen vier Tagen nicht ganz so gut besucht wie im vergangenen Jahr. Es wäre blauäugig von den Organisatoren, zu glauben, dass das nur an der schwülnassen Witterung in Kombination mit dem harten Konkurrenzangebot des Wochenendes gelegen hätte. Und auch an der musikalischer Klasse hat es nicht gefehlt, mit der Sleepy Town Jazz Band und den Frackophonikern sind bewährte lokalen Größen an den ersten zwei Tagen aufgetreten, die sicherlich etwas unbekannteren Göttinger Jazz Comment haben eine interessante, sehr hörbare Modern-Jazz-Variante mit eingebracht. Mit Wolfgang Schlüter als Top-Act am Sonnabend ist einer zum zweiten Mal nach 1990 in den Jazz Club gekommen, der auch noch mit 81 Jahren zu den ganz Großen des Jazz zu zählen ist. Pim Toscani, der mit seinen drei musikalischen Mitstreitern am Sonntag in Corvey stets gutlaunig und augenzwinkernd für das von ihm beackerte Genre „Swing“ Hochklassiges ablieferte, schaffte es zudem locker, sein Publikum zu Ovationen herauszufordern. Mögen Pims musikalischen Mitstreiter speziell am Klavier und am Bass ähnlich wie Schlüter optisch auch nicht mehr ganz so taufrisch gewirkt haben, so zeigten auch sie genau wie der Hamburger Jazz-Star abgesehen von der Tonsicherheit eine Dynamik und Leidenschaft, die es mit jedem Mittzwanziger hätte aufnehmen können.

Der wirkliche Grund für die stärkere Zurückhaltung in der Zuschauergunst dürfte mehr in der stilistischen Ausrichtung zu suchen sein. Gegen das letztmalig blueslastige Programm mag der diesjährige Swing- und Modern-Jazz-Schwerpunkt vielleicht schon ein wenig „exotisch“ gewirkt haben. Das genau aber zeichnet das Jazz-Festival seit Jahrzehnten aus, sich nämlich nicht ausschließlich am breiten Massengeschmack zu orientieren, sondern mit dem Anspruch anzutreten, alle Nischen der musikalischen Spielart Jazz zu präsentieren. Nicht zuletzt damit ist auch das Jubiläum des Jazz-Festivals wieder zu einem kulturellen Schwergewicht für die Region avanciert.