Pressebericht Jazz-Club 11.6.2018


Geschichten aus dem Bläserwald

„Talking Horns“ aus Köln zu Gast im Jazz-Club

(ez) So witzig und überzeugend kann moderner Jazz sein! Das Quartett hatte viel Material aufgefahren, allein siebzehn verschiedene Blasinstrumente standen auf der Bühne, vom riesigen Sousaphon über Tuba, Posaune, Bassklarinette und Saxophone bis zur kleinen Flöte, nicht mitgerechnet Bluesharp und Melodica. Dazu kamen eine Rahmentrommel, Rumbarasseln, ein Xylophon und verschiedene kleine, teils seltsame Instrumente für Percussionzwecke.

Zu Anfang des Konzerts spielten die „Talking Horns“ im Garten des Clubs – überraschend gute Akustik bei sehr sommerlichen Temperaturen, die wohl auch für die leider sehr überschaubare Anzahl an Gästen verantwortlich waren. Umso unmittelbarer gestaltete sich der Kontakt zwischen Künstlern und Publikum und jeder Ton, jede Mimik konnte hautnah miterlebt werden. Fünf mal die Tonart im Stück gewechselt oder drei mal das Tempo und das alles mit einer Leichtigkeit ohnegleichen. Ein Augenzwinkern als Kommunikation reicht aus, alle vier sind Vollblut-Jazzer und Multitalente an jeweils mehreren Instrumenten.

Geschichten erzählen mit Tönen war versprochen worden und das Versprechen wurde von Achim Fink, Bernd Winterschladen, Andreas Gilgenberg und Stephan Schulze mit Virtuosität und Witz auch perfekt umgesetzt. Da gab es die „Schaschlik-Polka“ – man stelle sich vier Musiker an der Schaschlikbude vor, die dem unbekannten Schwein ihren Dank für die Mitwirkung an dem Treffen aussprechen. Improvisiert vor Ort wurde das Lied von der ostwestfälischen Eisebahne und danach führte die gemächlich-gefühlvolle „Schnulze für Schulze“ klanglich zurück in die alte Kinozeit, als man noch schwarz-weiß guckte. „Duck“, eine Hommage an eine sehr sympathische Entenfamilie, untermalten Sopransaxophon und Posaune mit lebensechtem Gequake. Der Fantasie der Musiker bei der Titelwahl – „Eichhörnchenballett“, „Die letzte Dampflok“, „Geschichten aus dem Bläserwald“ – stand die überzeugende klangliche Umsetzung in nichts nach. Im Stück „Desert Airlines“ suggerierten die monotone Begleitung der Tuba und ein Schnarrholz südliche Hitze und Trockenheit und das Klanggemälde zeigte in wiegendem Rhythmus den Zug der Kamele durch den Sand.

Als letzter Titel des Abends stand „Döner“ auf dem Programm, „arabeske“ Rhythmen wurden angesagt und das Saxophon spielte Janitscharenklänge. Kein Konzert ohne Zugabe, die sichtlich beeindruckten Zuhörer applaudierten lange und die Musiker kamen gern auf die Bühne zurück und spielten „Autopud“, ein sehr ausgelassenes, temporeiches Stück voller mitreißender Balkanklänge.




Vorbericht Jazz-Club Holzminden

talking about Talking Horns

........the show must blow on

Talking Horns „erzählen“ mit ihren Instrumenten höchst unterhaltsame Geschichten aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Kopf und Bauch werden gleichermaßen bedient: Für Puristen und Schubladen-Denker unerhört. Der/die „Durchschnittshörer/in“ (so es sie denn überhaupt gibt) haben dabei ebensoviel Spaß wie Jazz-Kenner, Freunde der Kammermusik oder jene, die es lieben, wenn es „groovt“.

Das Repertoire wächst beharrlich wie auch die Gemeinde der Freunde akustischer Kunst. Das aparte Erlebnis, musikalische Tiefe ohne Verstärker, Pixel, Pomp und Videoclips zu erreichen, gedeiht besonders in guter akustischer Umgebung: Daher auch der Hang der talking horns, wohlklingende Räume aufzuspüren. Und manches Museum, Industriegebäude oder Burggemäuer wird somit zum Konzertsaal.

Also sprechen die vier Männer mit ihren Blech- und Holzinstrumenten durchs Horn. Alle möglichen Facetten von schlichter, manchmal idyllischer Homophonie und kammermusikalischer Qualität bis hin zu komplexer Polyphonie und Poly rhythmik werden in einer für jeden direkt zugänglichen universellen musikalischen Sprache umgesetzt. Melodien mit Ohrwurmcharakter entfalten sich über raffinierten rhythmisch-harmonischen Grundgerüsten.

Die sich entwickelnde erstaunliche Vieldimensionalität der Stücke erinnert bisweilen an die Struktur ausgefeilter klassischer Streichquartette. Die große Faszination der Talking Horns liegt vor allem darin, dass sie ihren fantasievollen musikalischen Mikrokosmos mit sparsamen Mitteln entfalten: Messer scharfe Bläsersätze wechseln mit lyrischen Passagen und gelegentlich reflektiert der musikalische Horizont auch avantgardistische Kammermusik. Durch permanenten Rollenwechsel erreichen die Talking Horns eine orchestrale Dichte.

Und was bedeutet Jazz für die Talking Horns: „Die vorhandenen Mittel mit all ihren Möglichkeiten kompositorisch zu nutzen, improvisatorisch zu gestalten und zu umspielen.“

Wie schön, dass es für gute Musik kein Verfallsdatum gibt.

Vorab in die Gespräche reinhören kann man hier: https://www.youtube.com/channel/UCU4TAw4qLs0ZcWUpdHvmcigMehr zu den Talking Horns unter http://www.talkinghorns.de/home/